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Ein Gerätetraining der besonderen Art ist das Training mit Vibrationsgeräten, das Vibrationstraining, genannt „Whole Body Vibration“ (WBV). Man kennt diese Methode aber auch unter den Namen Beschleunigungstraining oder stochastisches Resonanztraining.

Bei dieser Methode steht der Übende auf einer vibrierenden Platte. Die Vibrationen bewegen sich in einem Bereich von 5 bis 60 Hz. Der Effekt des Vibrationstrainings soll sein, dass bei der Muskulatur Dehnreflexe und Kontraktionen ausgelöst werden. Bei dieser Methode wird der gesamte Körper beeinflusst. Verwandte Methoden dagegen adressieren nur spezifische Körperteile oder lokale Muskelgruppen. Diese Methoden sind die biomechanische Stimulation (BMS) oder die biomechanische Oszillation. Hier kommen spezielle Vibrationsgeräte zum Einsatz, die diesen lokalisierten Effekt erzeugen.

Die verschiedenen Methoden des Vibrationstrainings kommen in einer Vielzahl von Bereichen zum Einsatz, wie Medizin, Rehabilitation, Fitness, Leistungssport, Beauty etc. In der Medizin und Rehabilitation dient die WBV zur Verbesserung der Koordination der Bewegung und des Gleichgewichts.

WBV oder Zeptor Training, ein neuer Name für einen alten Hut

Vibrationsmassagen und vibrierende Massagegeräte wurden schon vor ca. 150 Jahren eingesetzt. 1869 war es der Amerikaner George Taylor, der Geräte zur Vibrationsmassage von Armen und Beinen einsetzte. In 1880 behandelte der Franzose Jean-Martin Charcot, der als Begründer der modernen Neurologie gilt, seine an Parkinson erkrankten Patienten mit Hilfe eines vibrierenden Stuhls.

Der ostdeutsche Arzt Dr. Biermann veröffentlichte 1960 seine Ergebnisse über den Effekt von zyklischen Oszillationen auf den menschlichen Organismus [Biermann, W.: Influence of cycloid vibration massage on trunk flexion, American Journal of Physical Medicine. 39: 219–224, 1960]. Diese Arbeit wurde dann die Grundlage für Vladimir Nazarov, einem Mitglied der sowjetischen Turnermannschaft, die theoretischen Erörterungen von Dr. Biermann in ein praktisches Trainingskonzept umzusetzen.

Aber erst seit 1996 bietet der freie Handel entsprechendes Trainingsgerät an. Die meisten dieser Geräte sind so aufgebaut, dass der Trainierende auf ihnen steht und der ganze Körper von den Vibrationen erfasst wird. Dies stellt sicher, dass alle Extremitäten und deren Muskulatur, einschließlich der Rumpfmuskulatur, durch die Vibrationen beeinflusst werden.

Effekte des Vibrationstrainings

Wenn es um die Gesundheit geht, dann werden Studien durchgeführt, die die Effektivität von Medikamenten, aber auch von Anwendungen und Therapien begründen. Beim Vibrationstraining ist das nicht anders. Allerdings sind die inzwischen zahlreichen Studien recht widersprüchlich bezüglich der Wirksamkeit des Vibrationstrainings. Viele dieser Studien sind wenig aussagekräftig, da die Probandenzahl viel zu gering war, um zu statistisch relevanten Aussagen kommen zu können. Dies gilt für die Studien mit und ohne Effektivitätsnachweis als Resultat.

Wenn man sich der physiologischen Wirkweise der Vibrationstrainings zuwendet, dann scheint die Sache ein wenig anders auszusehen. Man konnte beobachten, dass Vibrationsfrequenzen von unterhalb 12 Hz das posturale System anregen. Bei Frequenzen von 12 Hz und höher werden Dehnreflexe und Muskelkontraktionen ausgelöst. Dieser Mechanismus soll die Leistungsfähigkeit der Typ II Fasern, der „schnellen“ Muskeln, steigern und die Erhöhung der Knochendichte fördern. Die Vibrationen sollen auch den Knochenstoffwechsel beeinflussen [Frost H.M.: Defining Osteopenias and Osteoporoses: Another View (With Insights From a New Paradigm), Bone Vol. 20, No. 5, Mai 1997, S. 385–391].

So sollen nur fünf Minuten WBV täglich ausreichen, um einen Knochensubstanzverlust von bettlägerigen Patienten über einen Zeitraum von acht Wochen zu vermindern. Der Knochensubstanzverlust wurde von 4,6 Prozent auf 0,6 Prozent reduziert [Rittweger J., Felsenberg D.: Resistive vibration exercise prevents bone loss during 8 weeks of strict bed rest in healthy male subjects: results from the Berlin Bed Rest (BBR) study, 26th Annual Meeting of the American Society for Bone and Mineral Research; October 2004; Seattle].

Ähnliche Ergebnisse zeigen sich für den Muskelabbau [Blottner D., Salanova M., Püttmann B., Schiffl G., Felsenberg D., Buehring B., Rittweger J.: Human skeletal muscle structure and function preserved by vibration muscle exercise following 55 days of bed rest, Eur J. Appl Physiol, 2006, Vol. 97, S. 261–271]. Bei Diabetes mellitus Typ 2 zeigte ein 12-wöchiges WBV Training eine Senkung des Blutzuckerspiegels [Baum K, Votteler T, Schiab J.: Efficiency of vibration exercise for glycemic control in type 2 diabetes patients, Int J Med Sci. 2007 May 31;4(3):159–163].

Andere Studien zeigten einen positiven Einfluss auf zerebrale Bewegungsstörungen bei älteren Personen. Sie zeigten darüber hinaus eine Verbesserung der Koordinierfähigkeit und Leistungsfähigkeit der Probanden

Im sportlichen Bereich zeigten Studien, dass Volleyballspielerinnen und Feldhockeyspielerinnen durch ein gezieltes WBV Training eine Erhöhung ihrer Sprungkraft von 10 Prozent erzielten [E. Harbrecht, Krafttraining mit dem Galileo 2000 im Jugendbereich, Dissertation Charite, Berlin, 2/2002] [Cochrane D.J., Stannard S.R.: Acute whole body vibration training increases vertical jump and flexibility performance in elite female field hockey players, British Journal of Sports Medicine, 2005, Vol. 39, S. 860–865].

Eine Studie, die einen Einfluss von WBV auf Schlaganfall untersuchte, kam zu keinem positiven Einfluss der Behandlung auf die Erkrankung [van Nes SL et al.: Long-term effects of 6-week whole-body vibration on balance recovery and activities of daily living in the postacute phase of stroke: a randomized, controlled trial. Stroke. 2006 37:2331–2335]. Im Jahr 2007 wurde eine Metaanalyse veröffentlicht, die eine Reihe der zuvor veröffentlichten Studien zum Thema WBV und deren Effekte nachträglich untersuchte. Sie kam zu dem Schluss, dass Muskelkraft und Sprungkraft von Sportlern durch Vibrationstraining nicht beeinflusst werden [Nordlund MM, Thorstensson A: Strength training effects of whole-body vibration? Scand J Med Sci Sports. 2007 Feb;17(1):12–17].

Vibrationstraining und Marketing

Das Gesundheitsbewusstsein ist in den letzen 25 Jahren dramatisch gestiegen. Mit dem gestiegenen Gesundheitsbewusstsein etablierte sich auch ein entsprechender Gesundheitsmarkt bzw. Gesundheitsszene, die bemüht ist, aus dem Wunsch nach Gesundheit Kapital zu schlagen. Dieses Geschäft ist mittlerweile von einem Millionen Dollar Geschäft zu einem Trillion Dollar Markt weltweit ausgeufert. So sind die Vibrtaionstrainingsgeräte eines von vielen Fischen im Gesundheitsteich.

Wir kennen Aussagen über wundersame Heilungen nicht nur von religiösen bzw. mystischen Dokumenten, sondern jetzt auch von den Gesundheitsprodukten, wie den Vibrationstrainern. Es werden Versprechungen in die Welt gesetzt, die oft nur zu offensichtlich über die Möglichkeiten des Trainingsgeräts hinausgehen. So sollen z.B. nur wenige Minuten Vibrationstraining mehr als Ersatz sein für ein ganzes Arsenal an Trainingsübungen und –einheiten. Diese fünf oder zehn Minuten pro Tag sollen in der Lage sein, wahre Wunder zu vollbringen, außerdem noch den Muskelzuwachs zu fördern, Osteoporose zu verhindern und zu heilen, Fette abzubauen, Bindegewebe zu straffen etc.

Nachdem man die rosarote Brille der Marketinggurus abgenommen hat und die Sachverhalte einer realistischen Beurteilung unterzieht, dann wird man feststellen, dass Vibrationstraining eine wertvolle Ergänzung darstellen kann im Verbund mit anderen Therapieformen. Eine alleinige Therapie mit Vibrationstraining für die eben erwähnten Indikationsbereiche lässt sich nur schwer vorstellen.

Was man erwarten kann

Bei einer Therapie mittels Vibrationstraining, bei der  das Trainingsgerät schnelle variable und nicht vorhersehbare Reize erzeugt (stochastisches Prinzip), die das Gleichgewicht stören, wird das Nerven-Muskelsystem beansprucht und gefördert.

Diese Beanspruchung bedingt einen Trainingseffekt, der in einer besseren Kontrolle von Körperhaltung und –bewegung mündet.

Als Endresultat eines kontinuierlichen Trainings kann man eine Reihe von Effekten erwarten, z.B. eine Verbesserung der Gehfähigkeit durch „Aktivierung von Rhythmusgebern auf Rückenmarksebene“, eine Optimierung des Knochenstoffwechsels und damit verbunden eine Erhöhung der Knochendichte, eine Verbesserung des Lernens von motorischen Vorgängen, eine Verbesserung der Informationsverarbeitung im Gehirn durch Aktivierung von dafür zuständigen Hirnarealen, eine Verbesserung der Reflexe und deren Steuerung etc.

Unter diesen Gesichtspunkten und in Verbindung mit anderen Heilverfahren, in Abhängigkeit von der jeweiligen Indikation, kann eine Therapie mit solchen Vibrationstrainingsgeräten von großem Nutzen sein. Das heißt letztlich, dass auch in diesem Bereich nicht jeder Patient mit der gleichen Messlatte gemessen werden darf. So erscheint es notwendig, dass bei jedem Patienten ein detailliertes Anwendungsprotokoll erstellt wird, in dem festgehalten wird, mit welcher Zielsetzung die Anwendung erfolgt, bei welchen Frequenzen, über welchen Zeitraum etc. Dieses detaillierte Vorgehen ist zwar üblich bei wissenschaftlichen Erhebungen, sollte aber auch Standard werden bei der Anwendung der Vibrationstrainingsgeräte.

Datum: Mittwoch, 1. September 2010
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3 Kommentare

Gerhard Alzner

Mein Morbus Hodgkin wurde im Jahre 1972 erfolgreich mit einer Ganz-Körper Bestrahlungstherapie behandelt. Nach fast 40 Jahren wurden jetzt bei mir Strahlenschäden der Fussheber-Nerven (Bestrahlung auch im Bereich L4/5) diagnostiziert: Müde Beine, wenig belastbare Oberschenkelmuskulatur da schlecht innerviert. Neurologen wie Radiologen (Klinikum Grosshadern in München) kennen für meinen Fall keine Heilungschancen. Könnte man mit diesem Gerät neurologisch Nerven so stimulieren, dass zumindest die einhergehende Nervenschwächung gestoppt oder vielleicht ein Neuaufbau möglich ist? Gibt es Erfahrungen zum Beispiel im Post-Polio Bereich wie für Parkinson beschrieben? Ich freue mich auf eine Antwort. MfG G. Alzner

René Gräber

Sehr geehrter Herr Alzner,

die Frage kann ich Ihnen aus der Ferne nur schwerlich beantworten. Um etwas zu trainieren muss auf jeden Fall noch „Substanz“ vorhanden sein: also zum Beispiel der Nerv. Ist dieser noch in irgendeiner Form „aktivierbar“, so ist dieser und die dazugehörige Muskulatur auch trainierbar. Insofern halte ich es durchaus für einen Versuch wert. Bei Parkinson und Multiple Sklerose Patienten sehe ich derzeit die besten Ergebnisse. Bei den Polyneuropathien ist das nicht so deutlich (im Durchschnitt), aber bei einzelnen Patienten dennoch sehr überzeugend.
Die besten Ergebnisse sehe ich mit dem Gerät, welches oben erwähnt habe: Den SRT Zeptor. Ich meine der wird von der Firma Frei AG vertrieben.

Johanna Gerlach

Gibt es auch mobile Vibrationsgeräte für den Hausgebrauch? Stimmt es, dass Geräte mit über 40 Hz unbrauchbar sind?
mfg Johanna

Antwort René Gräber:

Ja, die gibt es. Allerdings finde ich diese wenig überzeugend. Für Patienten mit Polyneuropathie bringen aber tatsächlich anscheinend einige dieser „Billig-Geräte“ eine Verbesserung.

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